„No one is safe until everyone is safe” – Migration in Lateinamerika in Zeiten der Corona-Pandemie

Ein Beitrag von Annika Lütjerodt, Leon Klinger und Felix Rausch

Migranten aus Honduras am Grenzübergang in Tecun Uman auf dem Weg in die USA
Migrant*innen beim Überqueren eines Grenzzaunes. Bild: Deutsche Welle

Überall in Lateinamerika flüchten Menschen und ganze Familien vor Gewalt, politischen Krisen und Perspektivlosigkeit. Jetzt werden sich viele nach dem Lesen dieses Satzes fragen: Regionale Migrationsbewegungen in Lateinamerika? Schon hieran wird deutlich, dass das Thema Flucht und Migration auf dem lateinamerikanischen Subkontinent in Europa und hier in Deutschland medial und gesellschaftlich kaum präsent ist. Wieso es aber wichtig ist, die Thematik der Migration in Lateinamerika, gerade auch im Kontext der Corona-Pandemie, auf die Agenda von Politik, Gesellschaft und internationaler Gemeinschaft zu setzen, haben wir im Rahmen eines Experteninterviews mit Herrn PD Dr. Michael Knipper aufgegriffen. Dr. Knipper ist Humanmediziner und seit 2011 u.a. Koordinator des Schwerpunktcurriculums Global Health am Fachbereich für Medizin an der JLU Gießen. Seine Forschungs- und Interessenschwerpunkte liegen u.a. im Bereich Migration, Gesundheit und Menschenrechte. Außerdem hat er selbst einige Jahre in Ecuador gelebt. Seine Expertise stellt die Grundlage für diesen Blog-Beitrag dar.

Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees), kommen 20 Prozent der weltweit ca. 82 Millionen Geflüchteten aus Zentral- und Südamerika. Venezuela ist nach Syrien das zahlenmäßig zweitgrößte Herkunftsland von Migrant*innen. Knapp sechs Millionen Menschen haben mittlerweile das Land verlassen, davon allein ein Drittel nach Kolumbien. Migration nimmt in Lateinamerika vielfältige Formen und hat unterschiedliche Hintergründe. Während sich die Menschen in Venezuela auf Grund der politischen und wirtschaftlichen Notlage gezwungen sehen ihr Land zu verlassen, zeigt sich in Mittelamerika neben Armuts- auch Gewaltmigration aufgrund von Gang-Gewalt, staatlicher Gewalt und hoher Kriminalität. Dies sind nur zwei Beispiele für aktuelle Migrationsformen in Lateinamerika.

Migration ist allerdings schon lange Teil der lateinamerikanischen Geschichte und die Komplexität der lateinamerikanischen Gesellschaften lässt sich in ihrer Entwicklung und heutigen Struktur nicht verstehen, ohne den Migrationskontext, ausgehend von der Kolonialisierung des Subkontinents, zu berücksichtigen.

Um die gesellschaftliche und politische Bedeutung von Migration im Kontext der Pandemie zu verstehen, ist es notwendig, die Lebensumstände, die Perspektiven und die gesellschaftliche Wahrnehmung und Stellung von Migrant*innen in den Ankunftsländern näher zu beleuchten. Grundsätzlich beruht jede Migrationsbewegung auf der Hoffnung der Verbesserung der eigenen Lebensumstände. Diesem Wunsch tritt allerdings in den allermeisten Fällen für die betroffenen Personen in den Ankunftsländern Ernüchterung entgegen. Migrant*innen finden sich nicht zuletzt aufgrund der fehlenden Staatsbürgerschaft im Ankunftsland am Rand der Gesellschaft wieder, ohne Aussicht auf Zugang zu sozialen Sicherungssystemen wie Bildung und Gesundheit.

Gerade das Gesundheitssystem ist in vielen Staaten Lateinamerikas unterfinanziert, überlastet und völlig heruntergekommen. Dies bestätigte Michael Knipper im Rahmen des Interviews exemplarisch an den Gesundheitssystemen von Peru, Ecuador und Kolumbien.

Wenn es die Nationalstaaten aber aufgrund mangelnder Kapazitäten und unzureichender Ausstattung nicht einmal schaffen, die Gesundheitsversorgung der eigenen Bevölkerung sicherzustellen, so besteht für Menschen, die in prekären Umständen leben, erst Recht keine Aussicht auf eine angemessene gesundheitliche Versorgung. Dies trifft regelmäßig auf Migrant*innen zu.

Zudem können auch die beruflichen Hoffnungen von Geflüchteten in den Ankunftsländern nur in den seltensten Fällen realisiert werden, sind sie doch häufig aufgrund mangelnder Jobperspektiven, wenn überhaupt nur, im informellen Sektor tätig, ohne soziale Absicherung und ohne Aussicht auf angemessene Vergütung. Knipper betont: „Man sieht schon länger, dass durch die prekäre Migration das Niveau auf dem informellen Arbeitsmarkt noch weiter gesenkt wird. Arme werden gegen Arme von denjenigen ausgespielt, die davon profitieren. Das verstärkt die Vulnerabilität der Migrantinnen und Migranten.“

Da viele lateinamerikanische Staaten seit vielen Jahren ohnehin schon mit Wirtschaftskrisen, hoher Arbeitslosigkeit und damit einhergehender Armut kämpfen, führt dies dazu, dass „Migration immer stärker negativ wahrgenommen wird, immer stärker auch mit Problemen für die aufnehmenden Gesellschaften verbunden ist und dass eine andere Wahrnehmung von Migration als vorher stattfindet“.

Hinzu kommt jetzt noch eine Pandemie, welche die Armut und die gesundheitliche Situation in den Ländern Lateinamerikas nochmal verschärft. Michael Knipper hebt hervor, dass diejenigen, die ohnehin schon in einer prekären Situation leben, immer härter getroffen und schlechter dran sind als die Menschen, die sozial und finanziell bessergestellt sind. Dadurch werden Ungleichheiten in Bezug auf Migration verstärkt, Ungleiches wird noch ungleicher.

Die Sicherung der Lebensgrundlagen von Migrant*innen, welche maßgeblich auf den ohnehin schon geringen Einnahmen aus dem informellen Sektor basieren, ist schlichtweg mit politischen Restriktionsmaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, wie z.B. Lockdowns, Grenzschließungen und Ausgangssperren, nicht möglich. Migrant*innen können nicht einfach zu Hause bleiben, sie haben meist keins oder sind auf tägliche informelle Tätigkeiten angewiesen, um zu überleben. Darüber hinaus sind sie nicht zuletzt aufgrund ihrer Lebensumstände einem überproportional hohen Infektionsrisiko ausgesetzt. Sie leben oft mit vielen Menschen auf engstem Raum unter schlechten hygienischen Bedingungen zusammen und können sich so nicht hinlänglich vor dem Virus schützen.

Zudem ist die Versorgung mit Impfstoffen auf dem lateinamerikanischen Kontinent unzureichend. Das trifft Migrant*innen besonders. Ihr Zugang zu Corona-Impfstoffen ist „schlecht, einfach schlecht“, betont Michael Knipper.

Für die Migrant*innen komme erschwerend hinzu, dass die vorherrschenden rassistischen Tendenzen innerhalb der Gesellschaften Lateinamerikas durch die Pandemie noch zusätzlich befeuert werden. Grund dafür ist laut Dr. Knipper insbesondere, dass Fremde und Migrant*innen häufig mit Krankheiten verbunden und generell als Verbreiter des Virus gesehen werden. Dies machen sich auch viele nationalistische und populistische Regierungen im Rahmen der Pandemie zunutze. Sie versuchen aus der Situation politisches Kapital zu schlagen, indem sie Einwander*innen kriminalisieren und dämonisieren, sie für die Einschleppung des Virus verantwortlich machen und so die Gesellschaft weiter spalten.

Trotz dieser Dilemmata gibt es auch positive Ansätze dafür, wie der Ausgrenzung von Migrant*innen entgegengewirkt werden kann und ihre Perspektiven in den Aufnahmestaaten verbessert werden können. Beispielsweise hat „Kolumbien jetzt alle Menschen aus Venezuela legalisiert und ihnen einen legalen Aufenthaltsstatus verschafft, inklusive Zugang zur Gesundheitsversorgung“, so Knipper. „Auch die Kinder, die in Kolumbien geboren wurden und aus venezolanischen Familien stammen, bleiben nicht staatenlos, sondern bekommen die kolumbianische Staatsbürgerschaft.“

Auch wenn das Beispiel Kolumbiens Anlass zur Hoffnung gibt, so genügen die Bemühungen für eine erfolgreiche Integration von Migrant*innen in den lateinamerikanischen Nationalstaaten bei Weitem nicht. Hier sind nicht nur die politischen Akteur*innen in den Ankunftsländern Lateinamerikas, sondern darüber hinaus insbesondere auch die Zivilgesellschaften gefordert. Auch die internationale Staatengemeinschaft muss allgemein und gerade in Zeiten der Corona-Pandemie Verantwortung übernehmen und zu einem würdevollen Leben aller Menschen beitragen. So appelliert Michael Knipper abschließend daran, das Menschsein an sich ins Zentrum zu stellen: „Man muss das Gemeinsame, die soziale Dimension sehen und sein Gegenüber als Mensch erkennen und nicht nur als Objekt, Patient oder Fremden.“

Weiterführendes zum Thema:

Publikation von Dr. Knipper et al. zum Thema Migration und Gesundheit in Lateinamerika: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(21)00629-2

Artikel zur Flüchtlingskrise Venezuelas: https://www.welt.de/politik/ausland/article231528237/Suedamerika-Wie-die-zweite-grosse-Fluechtlingskrise-einen-ganzen-Kontinent-destabilisiert.html

Podcast-Folge zum Thema Remigration nach Venezuela: https://www.blickpunkt-lateinamerika.de/artikel/hoerpunkt-lateinamerika-185-gestrandet-an-der-grenze-vor-venezuela/