Die Corona-Pandemie in Lateinamerika aus historischer Perspektive

Von Habib Tammam und Tobias Reitz.

Wie lassen sich die Entwicklungen zur Corona-Pandemie aus historischer Perspektive einordnen? Dieser Frage sind wir im Interview mit Dr. Jochen Kemner nachgegangen. Er ist Historiker und wissenschaftlicher Geschäftsführer des „Center for Advanced Latin American Studies (CALAS)“ in Guadalajara, Mexiko.

Frage: Als Historiker haben Sie sich (?) mit Lateinamerika befasst, da kommen natürlich auch Pandemie-Entwicklungen zur Sprache. Inwieweit kann uns die Geschichtswissenschaft helfen, diese aufzuarbeiten, zu verstehen oder gegebenenfalls Schlüsse daraus auf heute abzuleiten?
Jochen Kemner: „Das ist eine große Frage (…). Natürlich bewegen wir uns in ganz unterschiedlichen Zeitrahmen und vielfach sind Historiker dazu geneigt aus den früheren Epochen, mit denen Sie sich beschäftigen, Analogien zur Gegenwart herzuleiten. Aber gleichzeitig muss man sich natürlich auch bewusst sein, dass es jeweils ganz unterschiedliche Kontexte sind, mit solchen historischen Übertragungen muss man vorsichtig sein. Nur sehr bedingt lassen sich Lehren daraus zu ziehen. Als Historiker forschen wir nicht nur, weil uns die Vergangenheit interessiert, sondern es natürlich eben auch darum geht, was sagt uns diese vergangene Erfahrung über die Situation in der Gegenwart und kann man vielleicht dann auch gewisse Annahmen oder Empfehlungen daraus ableiten – für alle Pandemien, etwa wenn so etwas in der Zukunft wieder oder häufiger Auftritt. Meine allgemeine Antwort erstmal zu der Frage, ob man aus der (Kolonial-) Geschichte lernen kann: Ja. Aber man muss sehr genau schauen in welchem Kontext Erfahrungen stattgefunden haben und inwieweit es sich nicht so stark und dramatisch verändert hat. Die Konstellation heute sind ganz andere und damit ist es nur sehr bedingt möglich etwas daraus abzuleiten.“

Frage: Die Geschichte der Kolonialisierung Lateinamerikas ist auch eine Geschichte der Verbreitung von Krankheitserregern und Viren, die in der Region nicht bekannt waren. Das hat vielen Indigenen schon vor mehr als 500 Jahren das Leben gekostet? Inwieweit lassen sich Vergleiche mit heute ziehen?
Jochen Kemner: „Genau das ist der Punkt, den ich eben angesprochen habe. Wenn man nach historischen Vorbildern sucht, ist man gerade im Bezug zu Lateinamerika bei der Phase der spanischen Eroberungen. Es war weniger der spanische Heldenmut oder die Angst der Indigenen vor den spanischen Waffen noch die Vorstellung, dass sie weißen Götter seien, als dass sich einige indigene Gruppen selbst gegen die aztekische Herrschaft, hier in Mexiko, erhoben haben und mit den Spaniern, gegen ihre Herren in Mexiko, kollaboriert haben. Die Rolle der eingeschleppten Infektionskrankheiten, vor allem Pocken und Masern, war entscheidend dafür, dass erst zum Schluss die Hauptstadt der Azteken erobert werden konnte. Die Waffen der Konquistadoren haben schon vorher die Bevölkerung stark dezimiert. Durch die Pocken- und Masern-Epidemie war dann auch die politische Herrschaftsklasse betroffen und das politische System. Von daher spielen Pandemien in (der Geschichte) Lateinamerika(s) eine große Rolle, nicht nur in der Eroberungsphase, sondern auch darüber hinaus. In den ersten hundert Jahren, seit der Einwanderung der Weißen, war Lateinamerika fast entvölkert. In der Karibik und hier in Mexiko gab es ein Bevölkerungsrückgang von bis zu 90 Prozent, wobei es nicht für alle Regionen genaue Zahlen gibt. Auch die späteren Rückeroberungsversuche Haitis durch Napoleon Bonaparte [Kaiser Napoleon I.] mit einer französischen Armee scheiterten letztlich auch wegen Malaria (…). Durch diese Seuchen sind mehr Menschen gestorben als in den Kampfhandlungen selbst. Mit diesen Epidemien kann man zwar auch politische Umwälzungen zum Teil erklären, allerdings kann man meines Erachtens daraus keine Lehre – zumindest nicht ohne weiteres – ziehen“.

Frage: Lateinamerika war in den Medien sehr präsent aufgrund der hohen Fallzahlen und Todesfälle. Sehen Sie einen strukturellen Zusammenhang zwischen der Kolonialgeschichte und der Gesundheitsversorgung?
Jochen Kemner: „Sicherlich gibt es da einen Zusammenhang, der sich aus den seit der Kolonialzeit bestehenden Ungleichheiten ergibt. Diese ergeben sich in erster Linie aus ethnischen Ungleichheiten und aus dem Wohlstandsgefälle zwischen Arm und Reich und Stadt und Land. Die indigene Bevölkerung ist besonders im Nachteil da Kolonialstrukturen bis heute überdauert haben. Das Gesundheitssystem unterscheidet sich auch stark von Land zu Land. So hat das mexikanische Gesundheitssystem noch eine staatliche Grundversorgung, in Chile hingegen dominieren private Versicherungen. (…) Corona-Hotspots mit Toten in den Straßen von Städten Ecuadors wurden von den Medien besonders stark rezeptiert. Das hat es aber auch andernorts gegeben. Favelas, die Elendsviertel in den brasilianischen Großstädten, sind besonders betroffen, da (…) überhaupt keine durchgehende Infrastruktur zum Händewaschen vorhanden ist. Dies ist ebenfalls eine Entwicklung seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert“.

Blick auf eine Favela in Brasilien, einem Corona Hotspot. (© by Yasuyoshi CHIBA / AFP)

Frage: Wie zeigt sich die Stadt-Land-Ungleichheit konkret, etwa in Bezug auf den Zugang zu Krankenhäusern?
Jochen Kemner: „Sicherlich besteht für die Menschen in den Städten eine bessere Gesundheitsversorgung in den Krankenhäusern als auf dem Land. Auch wenn ich kein Experte für das Gesundheitssystem in Lateinamerika bin, so kann ich dennoch Beobachtungen wiedergeben. Nach Berichten aus meinem Umfeld hier in Mexiko, kann ich sagen, dass die guten Krankenhäuser sich in den Metropolregionen befinden und die ländlichen deutlich schwieriger an das Gesundheitssystem angebunden ist. Dies ist sicher auch in anderen Ländern und auch in weiten Teilen Europas der Fall. Sogar in Deutschland gibt es eine Diskussion um niedergelassene Ärzte auf dem Land. Dies ist eine Frage des Kostendrucks allgemein. Jedoch lässt sich feststellen, dass die Metropolen von Anfang an stark betroffen waren und sich zu Corona-Hotspots entwickelt haben. Dies führte auch zu Engpässen in der Sauerstoff-Versorgung in den städtischen Krankenhäusern. Von Argentinien weiß ich, dass die ländlichen Regionen, zunächst einmal, nur sehr geringe Inzidenzen hatten. Darin zeigt sich ein strukturelles Ungleichgewicht und ein unterschiedliches Risiko in Bezug auf die Epidemie selbst“.

Frage: Sie erklärten eben, dass man aus der Geschichte nicht unbedingt etwas zur Einordnung der Corona-Entwicklung ableiten kann. Das ist nachvollziehbar. Unabhängig davon, wie bewerten Sie die Corona-Politiken der Regierungen?
Jochen Kemner: „Ich denke wichtig ist, dass der Zeitrahmen des Lernens kürzer sein muss. Zusammen mit anderen Wissenschaftlern aus Lateinamerika haben wir gerade ein Buch herausgegeben, welches sich damit befasst, welche Maßnahmen von den Regierungen am Anfang der Verbreitung des Corona-Virus ergriffen worden sind. Es gab zum Teil sehr restriktive Maßnahmen, leider aber auch sehr laxe. Im vergangenen Jahr haben wir zwischen März und Juni also in den ersten hundert Tagen messen können, welche Maßnahmen bestimmte Auswirkungen hatten. Jetzt nach einem Jahr und drei Monaten, nach dem ersten bestätigten Corona-Fall in Lateinamerika, lässt sich genauer sagen, ob die Hygiene und Eindämmungskonzepte geeignet waren und dass Argentinien die längste Quarantänezeit weltweit hatte. Wohingegen Brasilen durch dessen Präsidenten Jair Bolsonaro die Gefahr durch das Corona-Virus heruntergespielt hat und der Versuch einer Kontrolle zwischen Zentralregierung und regionalen Bundesstaaten hintertrieben worden sind. In Argentinien sah man auch ein breites Netz an Unterstützung für die Menschen, die sich gerade in Quarantäne befinden. Man kann also feststellen, dass Modelle von Restriktionen und gleichzeitiger ökonomischer Unterstützung durchaus Früchte tragen, denn die Inzidenzzahlen in Argentinien waren bis zum Sommer 2020 relativ gering und es gab keine Überlastung des Gesundheitssystems. Ganz im Gegensatz zu Brasilien, wo die Fallzahlen und die Auslastungen der Krankenhäuser explodierten. Im Vergleich zu heute hat sich das allerdings relativiert. Man kann also aus den Anfängen der Pandemie gewisse Lehren ziehen und sagen, dass ein Gesundheitssystem mit staatlicher Grundversorgung besser funktioniert hat. Dies sollte eine Konsequenz für die Zukunft sein, wenn in Lateinamerika ein solches Ereignis wiederholt auftritt, auch weil ein zentrales Problem die Beschaffung von Impfstoffen ist und dessen flächendeckende Anwendung. Damit sich solche katastrophalen Bilder, nicht wiederholen“.

Jair Bolsonaro Präsident Brasiliens, © ARD tagesschau.de

Frage: Sie haben gerade im April 2021 das Buch mit dem Titel „Pandemia y crisis: El COVID-19 en América Latina“ herausgeben. Hierin haben Sie sich auch mit den sozialen Protesten in Lateinamerika beschäftigen. Wie wurden soziale Proteste von der Corona-Pandemie beeinflusst? Und wie haben staatliche Behörden auf die sozialen Proteste reagiert?
Jochen Kemner: „In dem angesprochenen Buch kommen zum Großteil Forscher*innen aus Lateinamerika zu Wort. Sie haben die Corona-Situation aus ihrer Sicht analysiert. Der Auftrag war es zu verstehen, wie die Regierungen mit dem Ausbruch der Pandemie umgehen, welche Maßnahmen ergriffen wurden und welche Konsequenzen diese hatten. Die Beiträge zeigen, dass in den Ländern sehr unterschiedlich auf die Pandemie reagiert wurde, es jedoch einige Maßnahmen, wie Ausgangssperren, überall gab. Dennoch protestierten Menschen auf der Straße gegen die Maßnahmen und gegen die sozialen Konsequenzen der Maßnahmen. So leugnen einige das Virus und tun es als ‚leichte Grippe‘ ab, etwa in Brasilien, wo die Regierung Bolsonaros Proteste dieser Art unterstützte. Im Kontext der Pandemie und der damit verbundenen Risiken wurden viele Proteste auch in die sozialen Medien verlagert. Hier zeigen sich neue Formen des Protests. Dennoch kam es unter den Bedingungen der Pandemie zu Massenmobilisierungen, wie am 8. März 2021 in Mexiko-Stadt. Am Weltfrauentag protestierten Tausende gegen Gewalt und Femizide in der mexikanischen Hauptstadt. Frauen sind im Kontext der Pandemie zunehmend von Gewalt gegen sie betroffen. Deswegen gingen sie in diesem Jahr vermehrt auf die Straße, auch wenn dies zu neuen Ansteckungen führte“.

Am Ende des Interviews betont Jochen Kemner, dass Lateinamerika in der Pandemie aus seiner Sicht, er lebt in Deutschland und Mexiko, in Europa erschreckend stereotypisch und homogen dargestellt wird. Nicht überall werde die Pandemie verharmlost oder Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung verzögert. Die gesamte Region werde aber oft mit der Politik von Brasilien gleichgesetzt. Man schaue von Europa aus und merke nicht, dass es sich um verschiedene Regime, Politiken und Kontexte handelt. Er unterstreicht, dass Verallgemeinerungen im Sinne „in Lateinamerika ist es so und so…“ vermieden werden sollten. Der Blick auf Nachrichten über Lateinamerika sei nicht kritisch und differenziert genug und sorge so für ein falsches Bild.

Weiterführendes zum Thema:

CORONA, KLIMA UND WEISSE SUPREMATIE – MULTIPLE KRISEN ODER EINE?
Interview mit Prof. Eleonora Rohland (Bundesministerium für Bildung und Forschung)
Proteste in Chile und Südamerika Aufruhr gegen soziale Ungerechtigkeit

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