Wie die Corona – Pandemie die sozialen Ungleichheiten in Lateinamerika verstärkt. Das Beispiel Gesundheitsversorgung

Ein Beitrag von Nadja Hammer und Cordula Rode

Quelle:https://franzirademacher.wordpress.com/

Ein Bild, welches für sich selbst spricht und aktueller ist denn je. Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft sind immer noch allgegenwärtig zu spüren und werden, insbesondere in der Corona – Pandemie, explizit deutlich. Das zeigt sich vor allem in Lateinamerika, eine Region mit den höchsten Ungleichheitswerten weltweit. Gerade sozial benachteiligte Gruppen leiden unter den Folgen von Corona. Sie haben oftmals nur wenig bis keinen Zugang zu einer angemessenen gesundheitlichen Versorgung, was jedoch in einer Pandemie von essentieller Bedeutung ist. 

Lateinamerikas Gesundheitssysteme sind durch eine „Zwei – Klassen – Medizin“ gekennzeichnet. Gut ausgestattete Privatkliniken in wohlhabenden Gegenden stehen öffentlichen Krankenhäusern und -zentren in den städtischen und ländlichen Armutsregionen gegenüber, die kaum über die nötige medizinische und personelle Grundausstattung verfügen, um ihre Patienten adäquat zu versorgen. Während es dem Großteil der Bevölkerung, aufgrund ihrer ärmlichen Lebensumstände, nicht einmal möglich ist social distancing zu praktizieren, kann die wohlhabende Minderheit der Bevölkerung die Krise in ihren luxuriösen Villen und gated communities aussitzen.

Weniger Geld = Weniger Anspruch auf Gesundheit?!

In Lateinamerika bestimmt nicht das Grundrecht auf Gesundheit den Zugang zu und die Qualität der gesundheitlichen Versorgung, sondern, wie Stefan Peters in einem Beitrag im IPG-Journal verdeutlicht, das finanzielle Vermögen, das Einkommen einer Person und nicht zuletzt die Wohngegend.

Hinzu kommt, wie Wolfgang Grabendorff in einem Artikel erklärt, dass nirgendwo anders auf der Welt die Ungleichheit in der Einkommensverteilung so hoch ist wie in den Gesellschaften Lateinamerikas, welche zugleich von einer enormen Massenarmut gekennzeichnet sind. So verfügt das ärmste Drittel der Bevölkerung über nicht mal zehn Prozent aller Einkommen, während die wohlhabendsten zehn Prozent der Lateinamerikaner über 45 Prozent aller Einkommen besitzen.

Gleichzeitig arbeitet über die Hälfte der Bevölkerung im informellen Sektor, der Schattenwirtschaft, also in illegalen, sehr prekären Arbeitsverhältnissen. Es ist diese Bevölkerungsmehrheit, die sich keine ausreichende gesundheitliche Versorgung leisten kann, da sie nicht über die notwendigen Ersparnisse oder eine soziale Absicherung verfügt. Und es sind vor allem die prekär und informell Beschäftigten, die von den politischen Maßnahmen zur Bekämpfung und Eindämmung der Corona – Pandemie, wie Lockdowns und Ausgangssperren betroffen sind.

Menschen, die im informellen Sektor tätig sind, sind in hohem Maß von Verarmung gefährdet. Für sie besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, abrupt und ohne Aussicht auf Neueinstellung arbeitslos zu werden und dadurch noch tiefer in die Verelendung zu rutschen. Hierauf verweist insbesondere Jan D. Walter in einem Artikel für die Deutsche Welle.

Öffentliches Universitätskrankenhaus in Rio de Janeiro.

Quelle: https://m.bpb.de/internationales/amerika/brasilien/gesellschaft/185280/das-oeffentliche-gesundheitssystem

Albert Einstein Privatklinik in São Paulo.

Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000115061450/coronavirus-erster-infizierter-in-lateinamerika-gemeldet

Was tun gegen Ungleichheiten?

Vor dem Hintergrund der aktuellen Pandemie – Erfahrungen in der Region stellt sich mehr denn je die Frage, wie sich die bestehenden Ungleichheiten reduzieren lassen, damit alle Lateinamerikaner*innen einen vergleichbaren und vor allem guten Zugang zu hochwertiger Gesundheitsversorgung haben.

Erste Vorschläge dafür hat der Universitätsprofessor und Leiter des Fachgebiets Internationale und intergesellschaftliche Beziehungen der Universität Kassel, Professor Dr. Hans – Jürgen Burchardt. Der Direktor des Center for Advanced Latin American Studies (CALAS) beschäftigt sich seit vielen Jahren mit sozialen Ungleichheiten in Lateinamerika. Hierzu haben wir im Vorfeld zu diesem Beitrag ein Interview mit ihm geführt.

Hans – Jürgen Burchardt erklärt, dass es zunächst echter Steuerreformen bedarf mit dem Ziel, progressive Steuersysteme in der Region einzuführen. Eine „Corona – Vermögensabgabe oder eine Solidarsteuer“ wären hierfür, dank ihrer Umverteilung von Kapital, ein guter Anfang. Das würde bedeuten, erstmal die Reichsten der Reichen zu besteuern, um mehr Geld zur Verfügung zu haben, welches man wiederum in das marode Gesundheitssystem investieren könnte. „Die Reichen sind definitiv noch reicher geworden (…) in der Region. Und da könnte man natürlich ein bisschen was abschöpfen“, betont Burchardt. Mit den auf diesem Weg gewonnenen staatlichen Mehreinnahmen wäre es möglich, Problematiken wie dem massiven Pflegenotstand (bis zu 20 % Pflegemangel) oder auch dem Fehlen von modernen medizinischen Geräten, zumindest teilweise, entgegenzuwirken. Ein weiterer notwendiger Schritt ist nach Ansicht von Hans – Jürgen Burchardt, zu „versuchen, die informelle Arbeit zu reduzieren“. Wenn die Leute „andere Arbeitsverträge und bessere Arbeitsbedingungen hätten“, die besser kontrolliert sind und damit auch die Möglichkeit einer Sozialversicherung böten, würde sich ihre Lebensqualität und gesundheitliche Sicherheit verbessern. Ein dritter Ansatzpunkt sollte sein, ein Sozialversicherungssystem einzuführen, das einkommens- und beschäftigungsunabhängig ist. Aktuell ist es so, dass eine Person, die ein regelmäßiges Einkommen hat, auch sozialversichert ist. Anders sieht es bei Menschen aus, die keiner Tätigkeit mit regelmäßigem Einkommen nachgehen, also im informellen Sektor tätig sind oder einer Care – Arbeit nachgehen. „Wenn ich jetzt aber ein Modell habe, wo man nur über Arbeit versichert ist, und wir wissen, dass über die Hälfte der Bevölkerung nicht legal arbeitet und nicht legal versichert ist, dann habe ich ein enormes Problem“, erklärt Burchardt. Eine Lösung für dieses Problem wäre ein staatliches Sozialversicherungssystem, welches auf Steuern beruht, also dem sogenannten „Beveridge – Modell“ folgt, welches auch in vielen skandinavischen Ländern praktiziert wird. „Und dann haben alle Zugang unabhängig davon, was sie für ein Einkommen haben“, erklärt Burchardt abschließend.

Die Wirklichkeit in Lateinamerika verdeutlicht auf erschreckende Weise, wie eng soziale Ungleichheiten und Pandemiebetroffenheit zusammenhängen. Denn während der Großteil von uns eine funktionierende und sozial gerechte Gesundheitsversorgung für etwas Selbstverständliches hält, ist diese für die Mehrheit der dortigen Bevölkerung ein Privileg, das über Leben oder Tod entscheidet.