Die Schatten- Pandemie des Machismo

Beitrag von Leonard Rininsland und Tatjana Varnhold 

Der folgende Blogeintrag ist auf der Grundlage eines Interviews mit der theologischen Grundsatzreferentin des MISEREOR Hilfswerks, Dr. Sandra Lassak, entstanden. Sandra Lassak hat als feministische Theologin mehrere Jahre in Lateinamerika gelebt und gearbeitet. Ihre Eindrücke und Erfahrungen über Geschlechterverhältnisse in Lateinamerika liegen dem Beitrag zugrunde.

Frauen* sind als marginalisierte Gruppe in Lateinamerika am meisten von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen. Sie arbeiten vermehrt im informellen Sektor (Arbeiten ohne Arbeitsverträge und staatlicher Absicherung) und verlieren durch pandemiebedingte Lockdowns ihre Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten. Sie sind außerdem häufig im Einzelhandel oder als ärztliches Personal in Gesundheitseinrichtungen tätig, wodurch sie einer höheren Ansteckungsgefahr ausgesetzt sind. Aber nicht nur in den Arbeitsverhältnissen sind die geschlechtsspezifischen Auswirkungen der Pandemie deutlich zu spüren, sondern auch im privaten Bereich. Aufgrund der verhängten Lockdowns sind Schulen geschlossen und die Kinderbetreuung eingeschränkt, sodass Frauen* einer Doppelbelastung ausgesetzt sind. Durch fehlende Bewegungsfreiheit und Freizeitaktivitäten ist die ganze Familie im Haus „eingesperrt“ besonders in Konfliktsituation gibt es keine Ausweichmöglichkeiten. Frauen*, die häusliche Gewalt erfahren, sind nach Lassak „die großen Verlierer*innen“ der Pandemie. Sie sind dauerhaft ihrem gewalttätigen Mann, auch häufig in der Diskussion um häusliche Gewalt als „Aggressor“ bezeichnet, ausgesetzt und Hilfestellen wie Frauenhäuser sind häufig überlaufen oder wie in Brasilien, geschlossen. Im Interview erzählt Sandra Lassak, dass „in Lateinamerika häufig von der Schattenpandemie des Machismo gesprochen wird.“ Ähnlich wie in anderen Ländern des globalen Südens, trifft die Covid-19-Pandemie auf bereits vorhandene Krisen und Missstände und verstärkt diese. So auch im Falle der Geschlechterungleichheit in Lateinamerika. Bezogen auf Gewalt gegen Frauen* sind die Zahlen in Ländern wie Mexiko oder Peru angestiegen, besonders an dem Anstieg der Zahlen von Femiziden (Tötung von Frauen* aufgrund ihres Geschlechtes) wird dies deutlich. In Mexiko sind Femizide in der ersten Coronawelle um 9,1 % gestiegen. Dort wird alle zweieinhalb Stunden eine Frau ermordet. Sandra Lassak betont, dass Femizide aber auch in anderen Ländern der Region zunehmen. In Peru etwa sei die Zahl der Frauenmorde innerhalb einer sechswöchigen Quarantäne um 153 Fälle gestiegen. Allerdings stellt die Tötung von Frauen* nur die bitterste Spitze des Eisberges da. Zahlen zu häuslicher Gewalt sind in den meisten Fällen nicht vollständig, da sich viele Frauen* schämen, Angst oder schlichtweg nicht die Möglichkeit haben, die Verbrechen anzuzeigen. Einer der Gründe für die fehlende Bereitschaft der Regierungen, mehr Unterstützungsangebote für betroffene Frauen* zu schaffen oder Täter strafrechtlich zu verfolgen, ist nach Lassak die traditionell patriarchale Gesellschaftsstruktur in vielen Ländern Lateinamerikas. So wird nur circa 1% der angezeigten Fälle bei denen es um Mord, Vergewaltigung und sexuelle Belästigung geht, von der Polizei aufgeklärt.  In Kolumbien ist beispielsweise eine rechtliche Grundlage geschaffen worden, um der Gewalt gegen Frauen* entgegenzutreten. Dennoch ist die tatsächliche Umsetzung nur mangelhaft. Die “Disziplinierung” der Frau durch Gewalt ausgehend von Männern wird noch zu häufig als eine private Angelegenheit angesehen, bei der sich der Staat nicht einmischen “darf“. Sandra Lassak betont in diesen Zusammenhang die Wichtigkeit der sozialen Proteste in Lateinamerika. Durch die Proteste bekommen Themen Aufmerksamkeit, welche sonst auf Staatsebene keine Bedeutung zugesprochen wird. So finden Aushandlungsprozesse in den wenigsten Fällen auf Regierungsebene statt, sondern viel mehr sind es die Errungenschaften der Frauenkämpfe, die tatsächlich (positive) Auswirkungen auf die Rechte der Frauen* haben. Als Beispiel kann dabei die Abtreibungslegalisierung in Argentinien genannt werden. Die Proteste, die besonders seit 2015 immer stärkeren Zuwachs und Zustimmung erhielten und dementsprechend an Einfluss gewannen, versuchen auch unter Pandemiebedingungen beständig zu bleiben, auch wenn das Patriarchat häufig in Form starker Polizeigewalt und Repression von Frauen* zurückschlägt. In diesem Zusammenhang ist der Frauenstreik vom 08. März 2020 erwähnenswert. An diesem Tag gingen Millionen von Frauen* in ganz Lateinamerika auf die Straßen, um für ihre Rechte zu kämpfen. In Santiago de Chile kamen mehr als eine Millionen Demonstrant*innen zusammen.

Grund für diese Demonstrationen war die zunehmende Gewalt an Frauen* und brutale Femizide in den Wochen davor. Die konservativen Regierungen Lateinamerikas ließen die Demonstrationen teilweise gewaltsam “niederknüppeln”. Auch kam es zu sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen von Demonstrierenden. Lediglich ein schwacher Trost ist, dass die Regierung Chiles bekannt gab, Femizide demnächst härter bestrafen zu wollen. Im Vergleich zu vorpandemischen Zeiten ist nach Sandra Lassak dennoch ein Unterschied zu sehen. Besonders in den Ländern Chile, Ecuador und Haiti waren die Frauenproteste vor dem Ausbruch von Corona auf dem Vormarsch. In Zeiten von Lockdown und Ausgangssperren verbieten Regierungen Proteste. Offiziell zum Schutze der Bevölkerung, sodass der Kampf um Frauenrechte hintenangestellt werden muss. Auf die Frage, ob Frauen* in Lateinamerika nach der Beendigung der Corona Pandemie schon erkämpfte Rechte erneut erkämpfen müssten, vermutet Sandra Lassak, „dass wir auf gewaltvolle Zeiten zusteuern“. Sie ist der Meinung, dass sich der Verteilungskampf und der Kampf um Frauenrechte generell verschärfen wird. Gewaltvoller werden diese Kämpfe deshalb, weil auf jegliche Errungenschaft der Frauen* von Seiten des Patriarchats bzw. der “Machismos” eine doppelt so starke Gewaltreaktion folgt. So steigen meistens nach erfolgreichen Frauenkämpfen um beispielsweise reproduktive Rechte, wie die Legalisierung von Abtreibung, die Zahlen von sexualisierter Gewalt, Vergewaltigungen und auch Femiziden an. Es wirkt so, als gebe es einen kausalen Zusammenhang zwischen den Erfolgen der Frauenbewegung und dem Anstieg der Brutalität gegen sie. 

Die Proteste um den 08. März 2020 zum Weltfrauentag können Hoffnung geben. Der Kampf um Frauenrechte ist auch in Lateinamerika ein Kampf, der nicht aufhört, auch wenn die Hürden noch so groß sind.  

Weiterführendes zum Thema:

Dokumentation über Frauenmorde in Lateinamerika: https://www.youtube.com/watch?v=N-PiRvKIj74 

Kinderhilfswerk PLAN: https://www.plan.de/news/detail/corona-pandemie-verstaerkt-gewalt-gegen-maedchen-und-frauen-in-lateinamerika.html

Podcast zu der Frauenbewegung in Lateinamerika:https://lila-podcast.de/was-wir-von-den-feministischen-bewegungen-in-lateinamerika-lernen-koennen/

Protesttanz in Santiago de Chile 2019: