Lateinamerika & Corona: Arbeiten unter Bedingungen einer Pandemie

Ein Beitrag von Jan Jänicke & Johann Prüfer

Lockdown in Buenos Aires. © Santiago Sito https://www.flickr.com/photos/santiagosuburbano/49757964607/

Im Vorfeld zu diesem Beitrag haben wir mit Niklaas Hofmann, dem politischen Leiter der Erwachsenenbildung beim DGB Bildungswerk Bund, gesprochen. Niklaas Hofmann hat zwischen 2013 und 2018 das Lateinamerika-Büro des DGB-Bildungswerks aufgebaut und von São Paulo aus geleitet. Seine Expertise zu dem Thema Arbeit und Gewerkschaften in Brasilien und Argentinien stellen eine Grundlage für unseren Blogbeitrag dar.

Seit Anfang 2020 haben wir nun schon damit zu tun und es regelt unseren Alltag: COVID-19. Auf der ganzen Welt, in jedem Lebensbereich, in jedem Nachrichtenbeitrag ist davon zu hören und man kann dem Thema nicht entkommen. Dabei gibt es große Unterschiede, wie stark Regionen und Länder von der Pandemie betroffen sind und wie das Virus bekämpft – oder eben auch nicht bekämpft wird.

Lateinamerika hat sich über das letzte Jahr zu dem wahrscheinlich größten Krisenherd der Pandemie entwickelt. Vor allem aus Brasilien kommen immer wieder traurige Rekordzahlen, was die täglichen Infektions- und Todesfälle anbelangt. So zählt die John-Hopkins-Universität in Brasilien 371.000 Todesopfer, die bislang an Covid-19 verstorben sind (Stand 17.04.2021). Angesichts der sich immer stärker ausbreitenden Virusmutation „P1“ werden die Zahlen in den kommen Monaten vermutlich auch weiter in rasantem Tempo ansteigen. Dies liegt nicht zuletzt an der Regierung Brasiliens und ihrem Präsidenten Jair Bolsonaro, der von Anfang die Risiken von COVID-19 herunterspielte und leugnete und damit notwendige Regierungsmaßnahmen zur Begrenzung der Pandemie verunmöglichte.

In Europa breitet sich das Virus derzeit auch erneut aus, jedoch konnte die „Infektionskurve“ im vergangenen Jahr relativ lange durch Lockdown-Bestimmungen in vielen Staaten relativ flach gehalten werden. Allerdings war die Ausgangslage zu Beginn der Pandemie in Europa eine grundsätzlich andere, da hier z.B. soziale Sicherungssysteme, sowie gesetzlich und vertraglich geregeltes Arbeitsrecht im Vergleich zu Lateinamerika stärker etabliert sind. Arbeiter*innen in Lateinamerika haben oftmals nicht die Wahl zu Hause zu bleiben und im Homeoffice zu arbeiten.

Dies liegt vor allem daran, dass hier ein Großteil der Menschen im informellen Sektor, meist ohne soziale Absicherung und Arbeitsverträge arbeitet. Durch die fehlenden vertraglichen Regelungen gibt es zumeist keinen Kündigungsschutz, keinen Urlaub und kein Recht auf Lohnfortzahlungen bei Krankheiten oder Quarantäne. Die informell Beschäftigten stehen die meiste Zeit finanziell unter Druck und können deshalb in der Regel auch keine Rücklagen bilden. Am stärksten von der Pandemie betroffen sind daher diejenigen Arbeiter*innen, die „prekär und informell beschäftigt sind, wie zum Beispiel fliegende Händler, Hausangestellte, Bauarbeiter*innen, Beschäftigte von Lieferdiensten, Fahrer*innen von Taxen und Leute in der Logistikbranche“, sagt Niklaas Hofmann. Zu den prekären Arbeitsbedingungen kommt noch dazu, dass diese oftmals auf wenig Wohnraum mit ihren Familienangehörigen und zum Teil in improvisierten Wohnräumen in den sogenannten „Favelas“ oder „Barrios“ leben, wie die städtischen Elendsviertel der Großstädte Brasilien und Argentinien genannt werden. Dadurch wird das Einhalten von social distancing faktisch unmöglich.

All das, so Niklaas Hofmann, „führt eben dazu, dass arme Menschen, informell Beschäftigte und unterbeschäftigte Menschen die großen Verlierer dieser Krise sind, weil sie schlichtweg sterben und im Zweifelsfall ihre Angehörigen noch anstecken“, falls es zu einer Corona-Infektion kommt. Und wer nun denkt, das sei nur ein kleiner Teil der Arbeitnehmenden, der/die täuscht sich. Die ILO (Internationale Arbeitsorganisation) spricht von 54% der Arbeitnehmenden, die in ganz Lateinamerika im informellen Sektor arbeiten. Diese Menschen können sich Corona-Maßnahmen schlichtweg nicht leisten, geschweige denn eine Quarantäne, denn: „Ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld kein Essen“, wie ein Artikel der Süddeutschen Zeitung es prägnant zusammenfasst. „In der Regel wird von der Hand in den Mund gelebt“ und dies bedeutet eben angesichts der Pandemie und dem Verlust von Arbeitsplätzen ein „massives Armutsrisiko“, betont Niklaas Hofmann.

In den politischen Strategien zur Pandemiebekämpfung und zur Abfederung der sozialen Krise in Folge ebendieser unterscheiden sich verschiedene Staaten Lateinamerikas erheblich. So hat beispielsweise Argentiniens Mitte-Links-Regierung unter Alberto Fernández schon frühe Schritte in Richtung konsequenter Pandemiebekämpfung unternommen. Bereits am 11.03.2020 wurden hier Lockdown-Maßnahmen verhängt, die mit anderen sozialen Maßnahmen und Nothilfen für die Ärmsten gekoppelt wurden. Dies hat u.a. zu Zulagen für arme Rentner*innen und zur Aufstockung des universellen Kindergelds geführt. Zu weiteren wichtigen Maßnahmen zählten zudem die Anerkennung von COVID-19 als Berufskrankheit sowie ein ausgedehnter Kündigungsschutz. Auch wenn das zumeist nur ein Tropfen auf den heißen Stein war: Argentinien hat immerhin versucht, der Pandemie und ihrer sozialen Folgen Einhalt zu gebieten, während Brasiliens Regierung unter Bolsonaro weiter strikt die Linie fährt, Corona zu leugnen oder zu verharmlosen. Genau an dieser Stelle, so Hofmann, sehe man die faschistischen und menschenverachtenden Züge der Regierung, die mit dieser Grundhaltung immense Todeszahlen billigend in Kauf nehmen – basierend auf dem Prinzip „die Stärkeren werden sich durchsetzen, die Stärkeren werden überleben“. Das Leben der prekär und informell Beschäftigten, die auf ihre Arbeit zum Überleben angewiesen sind, wird unter diesen Umständen einer ständigen Gefahr ausgesetzt.

Die Arbeitsverhältnisse in Argentinien und Brasilien waren schon in den letzten Jahren gekennzeichnet durch eine zunehmende Prekarisierung. Gewerkschaften stehen angesichts der Pandemie vor der Herausforderung, die am stärksten Betroffenen zu erreichen und zu organisieren. Dies stellt sich im Hinblick auf den Infektionsschutz, zum anderen auch wegen der strukturellen Schwierigkeit informell Beschäftigte und Kleinstunternehmer*innen z.B. Essenslieferant*innen zu erreichen, äußerst schwierig dar. Dazu kommt die massive Einschränkung von Gewerkschaftsarbeit in Brasilien, da dort „versucht wird Gewerkschaften zu entmachten und außen vor zu halten. Und das ist ein massives, massives Problem, denn die Gewerkschaften erreichen ja sowieso schon nur die formell Beschäftigten“, so Niklaas Hofmann. So scheint auch eine emanzipatorische Antwort auf die anhaltende „Krise der guten Arbeit“ (Hofmann) in weitere Ferne zu rücken. Letztlich müssen auch wir in Europa uns fragen, inwiefern wir diese prekäre Lebens- und Arbeitssituation vieler lateinamerikanischer Arbeiter*innen mitzuverantworten haben. Denn ein Großteil der Produktion, v.a. in Brasilien und Argentinien, ist auch für den europäischen Export bestimmt. Ein Ausweg aus der systematischen Ungleichheit der Arbeitsverhältnisse in Lateinamerika durch eine nachhaltige soziale Umverteilung scheint insofern nicht nur eine Frage Lateinamerikas, sondern letztlich auch eine in globaler Perspektive.

Weiterführendes zum Thema:

Podcast-Folge zur aktuellen Situation in Brasilien:
https://www.br.de/mediathek/podcast/aktuelle-interviews/coronavirus-in-brasilien-niklas-franzen-journalist/1822696

Artikel zu Streiks von Essenslieferanten in Brasilien:
https://taz.de/Streik-der-Online-Kuriere/!5697921/

Artikel zur Situation von Arbeiter*innen in Argentinien:
https://www.npla.de/thema/arbeit-gesundheit/zwischen-prekarisierung-und-pandemie/

Ein Gedanke zu „Lateinamerika & Corona: Arbeiten unter Bedingungen einer Pandemie“

  1. Sehr interessanter Beitrag!
    Die eurozentristische Sicht der ehemaligen Kolonialmächte blendet Latein- und Südamerika fast vollständig aus. Dieser Blog ist ein guter Versuch, dieses Defizit anzugehen und aufzuarbeiten; vor allem in der aktuellen Berichterstattung des Tagesgeschehens.

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