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Vorstellung

Willkommen auf unserem blog „Corona in Lateinamerika“! Wir sind Studierende des BA-Studiengangs Politikwissenschaft der Universität Kassel. Seit dem Wintersemester 2020/21 beobachten und analysieren wir die sozialen, ökonomischen und politischen Folgen der Corona-Pandemie in Lateinamerika. Mit dem blog wollen wir unseren Lernprozess, unsere Reflexionen und Gedanken sowie offene Fragen zu den Folgen der Corona-Pandemie in Lateinamerika teilen. Im Folgenden finden sich unsere aktuellen Beiträge zu verschiedenen pandemiebezogenen Themen, etwa Arbeit, Geschlechterverhältnisse oder Migration. Mehr über uns findet Ihr hier.

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CORONA IN LATEINAMERIKA – Analysen und Visionen für eine globale Transformation im Gespräch mit Kirchen, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft

„Die Corona-Krise trifft Lateinamerika mit besonderer Härte. Die Gesundheitssysteme sind prekär und über soziale Absicherung verfügen nur Wenige. Bei der Tagung werden Expertinnen der deutschsprachigen Lateinamerikaforschung gemeinsam mit Praktikerinnen und zivilgesellschaftlichen Akteuren die Folgen der Pandemie in der Region und globale Herausforderungen diskutieren. Themen, die besondere berücksichtig finden sind soziale Ungleichheiten, Migration, Gesundheitspolitik, Verschwörung, Demokratie und Menschenrechte“.

Link zur Tagung Seite der Ev. Akademie Hofgeismar.

Tagungsflyer als PDF Download.

Wie die Corona – Pandemie die sozialen Ungleichheiten in Lateinamerika verstärkt. Das Beispiel Gesundheitsversorgung

Ein Beitrag von Nadja Hammer und Cordula Rode

Quelle:https://franzirademacher.wordpress.com/

Ein Bild, welches für sich selbst spricht und aktueller ist denn je. Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft sind immer noch allgegenwärtig zu spüren und werden, insbesondere in der Corona – Pandemie, explizit deutlich. Das zeigt sich vor allem in Lateinamerika, eine Region mit den höchsten Ungleichheitswerten weltweit. Gerade sozial benachteiligte Gruppen leiden unter den Folgen von Corona. Sie haben oftmals nur wenig bis keinen Zugang zu einer angemessenen gesundheitlichen Versorgung, was jedoch in einer Pandemie von essentieller Bedeutung ist. 

Lateinamerikas Gesundheitssysteme sind durch eine „Zwei – Klassen – Medizin“ gekennzeichnet. Gut ausgestattete Privatkliniken in wohlhabenden Gegenden stehen öffentlichen Krankenhäusern und -zentren in den städtischen und ländlichen Armutsregionen gegenüber, die kaum über die nötige medizinische und personelle Grundausstattung verfügen, um ihre Patienten adäquat zu versorgen. Während es dem Großteil der Bevölkerung, aufgrund ihrer ärmlichen Lebensumstände, nicht einmal möglich ist social distancing zu praktizieren, kann die wohlhabende Minderheit der Bevölkerung die Krise in ihren luxuriösen Villen und gated communities aussitzen.

Weniger Geld = Weniger Anspruch auf Gesundheit?!

In Lateinamerika bestimmt nicht das Grundrecht auf Gesundheit den Zugang zu und die Qualität der gesundheitlichen Versorgung, sondern, wie Stefan Peters in einem Beitrag im IPG-Journal verdeutlicht, das finanzielle Vermögen, das Einkommen einer Person und nicht zuletzt die Wohngegend.

Hinzu kommt, wie Wolfgang Grabendorff in einem Artikel erklärt, dass nirgendwo anders auf der Welt die Ungleichheit in der Einkommensverteilung so hoch ist wie in den Gesellschaften Lateinamerikas, welche zugleich von einer enormen Massenarmut gekennzeichnet sind. So verfügt das ärmste Drittel der Bevölkerung über nicht mal zehn Prozent aller Einkommen, während die wohlhabendsten zehn Prozent der Lateinamerikaner über 45 Prozent aller Einkommen besitzen.

Gleichzeitig arbeitet über die Hälfte der Bevölkerung im informellen Sektor, der Schattenwirtschaft, also in illegalen, sehr prekären Arbeitsverhältnissen. Es ist diese Bevölkerungsmehrheit, die sich keine ausreichende gesundheitliche Versorgung leisten kann, da sie nicht über die notwendigen Ersparnisse oder eine soziale Absicherung verfügt. Und es sind vor allem die prekär und informell Beschäftigten, die von den politischen Maßnahmen zur Bekämpfung und Eindämmung der Corona – Pandemie, wie Lockdowns und Ausgangssperren betroffen sind.

Menschen, die im informellen Sektor tätig sind, sind in hohem Maß von Verarmung gefährdet. Für sie besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, abrupt und ohne Aussicht auf Neueinstellung arbeitslos zu werden und dadurch noch tiefer in die Verelendung zu rutschen. Hierauf verweist insbesondere Jan D. Walter in einem Artikel für die Deutsche Welle.

Öffentliches Universitätskrankenhaus in Rio de Janeiro.

Quelle: https://m.bpb.de/internationales/amerika/brasilien/gesellschaft/185280/das-oeffentliche-gesundheitssystem

Albert Einstein Privatklinik in São Paulo.

Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000115061450/coronavirus-erster-infizierter-in-lateinamerika-gemeldet

Was tun gegen Ungleichheiten?

Vor dem Hintergrund der aktuellen Pandemie – Erfahrungen in der Region stellt sich mehr denn je die Frage, wie sich die bestehenden Ungleichheiten reduzieren lassen, damit alle Lateinamerikaner*innen einen vergleichbaren und vor allem guten Zugang zu hochwertiger Gesundheitsversorgung haben.

Erste Vorschläge dafür hat der Universitätsprofessor und Leiter des Fachgebiets Internationale und intergesellschaftliche Beziehungen der Universität Kassel, Professor Dr. Hans – Jürgen Burchardt. Der Direktor des Center for Advanced Latin American Studies (CALAS) beschäftigt sich seit vielen Jahren mit sozialen Ungleichheiten in Lateinamerika. Hierzu haben wir im Vorfeld zu diesem Beitrag ein Interview mit ihm geführt.

Hans – Jürgen Burchardt erklärt, dass es zunächst echter Steuerreformen bedarf mit dem Ziel, progressive Steuersysteme in der Region einzuführen. Eine „Corona – Vermögensabgabe oder eine Solidarsteuer“ wären hierfür, dank ihrer Umverteilung von Kapital, ein guter Anfang. Das würde bedeuten, erstmal die Reichsten der Reichen zu besteuern, um mehr Geld zur Verfügung zu haben, welches man wiederum in das marode Gesundheitssystem investieren könnte. „Die Reichen sind definitiv noch reicher geworden (…) in der Region. Und da könnte man natürlich ein bisschen was abschöpfen“, betont Burchardt. Mit den auf diesem Weg gewonnenen staatlichen Mehreinnahmen wäre es möglich, Problematiken wie dem massiven Pflegenotstand (bis zu 20 % Pflegemangel) oder auch dem Fehlen von modernen medizinischen Geräten, zumindest teilweise, entgegenzuwirken. Ein weiterer notwendiger Schritt ist nach Ansicht von Hans – Jürgen Burchardt, zu „versuchen, die informelle Arbeit zu reduzieren“. Wenn die Leute „andere Arbeitsverträge und bessere Arbeitsbedingungen hätten“, die besser kontrolliert sind und damit auch die Möglichkeit einer Sozialversicherung böten, würde sich ihre Lebensqualität und gesundheitliche Sicherheit verbessern. Ein dritter Ansatzpunkt sollte sein, ein Sozialversicherungssystem einzuführen, das einkommens- und beschäftigungsunabhängig ist. Aktuell ist es so, dass eine Person, die ein regelmäßiges Einkommen hat, auch sozialversichert ist. Anders sieht es bei Menschen aus, die keiner Tätigkeit mit regelmäßigem Einkommen nachgehen, also im informellen Sektor tätig sind oder einer Care – Arbeit nachgehen. „Wenn ich jetzt aber ein Modell habe, wo man nur über Arbeit versichert ist, und wir wissen, dass über die Hälfte der Bevölkerung nicht legal arbeitet und nicht legal versichert ist, dann habe ich ein enormes Problem“, erklärt Burchardt. Eine Lösung für dieses Problem wäre ein staatliches Sozialversicherungssystem, welches auf Steuern beruht, also dem sogenannten „Beveridge – Modell“ folgt, welches auch in vielen skandinavischen Ländern praktiziert wird. „Und dann haben alle Zugang unabhängig davon, was sie für ein Einkommen haben“, erklärt Burchardt abschließend.

Die Wirklichkeit in Lateinamerika verdeutlicht auf erschreckende Weise, wie eng soziale Ungleichheiten und Pandemiebetroffenheit zusammenhängen. Denn während der Großteil von uns eine funktionierende und sozial gerechte Gesundheitsversorgung für etwas Selbstverständliches hält, ist diese für die Mehrheit der dortigen Bevölkerung ein Privileg, das über Leben oder Tod entscheidet.

Die Schatten- Pandemie des Machismo

Beitrag von Leonard Rininsland und Tatjana Varnhold 

Der folgende Blogeintrag ist auf der Grundlage eines Interviews mit der theologischen Grundsatzreferentin des MISEREOR Hilfswerks, Dr. Sandra Lassak, entstanden. Sandra Lassak hat als feministische Theologin mehrere Jahre in Lateinamerika gelebt und gearbeitet. Ihre Eindrücke und Erfahrungen über Geschlechterverhältnisse in Lateinamerika liegen dem Beitrag zugrunde.

Frauen* sind als marginalisierte Gruppe in Lateinamerika am meisten von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen. Sie arbeiten vermehrt im informellen Sektor (Arbeiten ohne Arbeitsverträge und staatlicher Absicherung) und verlieren durch pandemiebedingte Lockdowns ihre Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten. Sie sind außerdem häufig im Einzelhandel oder als ärztliches Personal in Gesundheitseinrichtungen tätig, wodurch sie einer höheren Ansteckungsgefahr ausgesetzt sind. Aber nicht nur in den Arbeitsverhältnissen sind die geschlechtsspezifischen Auswirkungen der Pandemie deutlich zu spüren, sondern auch im privaten Bereich. Aufgrund der verhängten Lockdowns sind Schulen geschlossen und die Kinderbetreuung eingeschränkt, sodass Frauen* einer Doppelbelastung ausgesetzt sind. Durch fehlende Bewegungsfreiheit und Freizeitaktivitäten ist die ganze Familie im Haus „eingesperrt“ besonders in Konfliktsituation gibt es keine Ausweichmöglichkeiten. Frauen*, die häusliche Gewalt erfahren, sind nach Lassak „die großen Verlierer*innen“ der Pandemie. Sie sind dauerhaft ihrem gewalttätigen Mann, auch häufig in der Diskussion um häusliche Gewalt als „Aggressor“ bezeichnet, ausgesetzt und Hilfestellen wie Frauenhäuser sind häufig überlaufen oder wie in Brasilien, geschlossen. Im Interview erzählt Sandra Lassak, dass „in Lateinamerika häufig von der Schattenpandemie des Machismo gesprochen wird.“ Ähnlich wie in anderen Ländern des globalen Südens, trifft die Covid-19-Pandemie auf bereits vorhandene Krisen und Missstände und verstärkt diese. So auch im Falle der Geschlechterungleichheit in Lateinamerika. Bezogen auf Gewalt gegen Frauen* sind die Zahlen in Ländern wie Mexiko oder Peru angestiegen, besonders an dem Anstieg der Zahlen von Femiziden (Tötung von Frauen* aufgrund ihres Geschlechtes) wird dies deutlich. In Mexiko sind Femizide in der ersten Coronawelle um 9,1 % gestiegen. Dort wird alle zweieinhalb Stunden eine Frau ermordet. Sandra Lassak betont, dass Femizide aber auch in anderen Ländern der Region zunehmen. In Peru etwa sei die Zahl der Frauenmorde innerhalb einer sechswöchigen Quarantäne um 153 Fälle gestiegen. Allerdings stellt die Tötung von Frauen* nur die bitterste Spitze des Eisberges da. Zahlen zu häuslicher Gewalt sind in den meisten Fällen nicht vollständig, da sich viele Frauen* schämen, Angst oder schlichtweg nicht die Möglichkeit haben, die Verbrechen anzuzeigen. Einer der Gründe für die fehlende Bereitschaft der Regierungen, mehr Unterstützungsangebote für betroffene Frauen* zu schaffen oder Täter strafrechtlich zu verfolgen, ist nach Lassak die traditionell patriarchale Gesellschaftsstruktur in vielen Ländern Lateinamerikas. So wird nur circa 1% der angezeigten Fälle bei denen es um Mord, Vergewaltigung und sexuelle Belästigung geht, von der Polizei aufgeklärt.  In Kolumbien ist beispielsweise eine rechtliche Grundlage geschaffen worden, um der Gewalt gegen Frauen* entgegenzutreten. Dennoch ist die tatsächliche Umsetzung nur mangelhaft. Die “Disziplinierung” der Frau durch Gewalt ausgehend von Männern wird noch zu häufig als eine private Angelegenheit angesehen, bei der sich der Staat nicht einmischen “darf“. Sandra Lassak betont in diesen Zusammenhang die Wichtigkeit der sozialen Proteste in Lateinamerika. Durch die Proteste bekommen Themen Aufmerksamkeit, welche sonst auf Staatsebene keine Bedeutung zugesprochen wird. So finden Aushandlungsprozesse in den wenigsten Fällen auf Regierungsebene statt, sondern viel mehr sind es die Errungenschaften der Frauenkämpfe, die tatsächlich (positive) Auswirkungen auf die Rechte der Frauen* haben. Als Beispiel kann dabei die Abtreibungslegalisierung in Argentinien genannt werden. Die Proteste, die besonders seit 2015 immer stärkeren Zuwachs und Zustimmung erhielten und dementsprechend an Einfluss gewannen, versuchen auch unter Pandemiebedingungen beständig zu bleiben, auch wenn das Patriarchat häufig in Form starker Polizeigewalt und Repression von Frauen* zurückschlägt. In diesem Zusammenhang ist der Frauenstreik vom 08. März 2020 erwähnenswert. An diesem Tag gingen Millionen von Frauen* in ganz Lateinamerika auf die Straßen, um für ihre Rechte zu kämpfen. In Santiago de Chile kamen mehr als eine Millionen Demonstrant*innen zusammen.

Grund für diese Demonstrationen war die zunehmende Gewalt an Frauen* und brutale Femizide in den Wochen davor. Die konservativen Regierungen Lateinamerikas ließen die Demonstrationen teilweise gewaltsam “niederknüppeln”. Auch kam es zu sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen von Demonstrierenden. Lediglich ein schwacher Trost ist, dass die Regierung Chiles bekannt gab, Femizide demnächst härter bestrafen zu wollen. Im Vergleich zu vorpandemischen Zeiten ist nach Sandra Lassak dennoch ein Unterschied zu sehen. Besonders in den Ländern Chile, Ecuador und Haiti waren die Frauenproteste vor dem Ausbruch von Corona auf dem Vormarsch. In Zeiten von Lockdown und Ausgangssperren verbieten Regierungen Proteste. Offiziell zum Schutze der Bevölkerung, sodass der Kampf um Frauenrechte hintenangestellt werden muss. Auf die Frage, ob Frauen* in Lateinamerika nach der Beendigung der Corona Pandemie schon erkämpfte Rechte erneut erkämpfen müssten, vermutet Sandra Lassak, „dass wir auf gewaltvolle Zeiten zusteuern“. Sie ist der Meinung, dass sich der Verteilungskampf und der Kampf um Frauenrechte generell verschärfen wird. Gewaltvoller werden diese Kämpfe deshalb, weil auf jegliche Errungenschaft der Frauen* von Seiten des Patriarchats bzw. der “Machismos” eine doppelt so starke Gewaltreaktion folgt. So steigen meistens nach erfolgreichen Frauenkämpfen um beispielsweise reproduktive Rechte, wie die Legalisierung von Abtreibung, die Zahlen von sexualisierter Gewalt, Vergewaltigungen und auch Femiziden an. Es wirkt so, als gebe es einen kausalen Zusammenhang zwischen den Erfolgen der Frauenbewegung und dem Anstieg der Brutalität gegen sie. 

Die Proteste um den 08. März 2020 zum Weltfrauentag können Hoffnung geben. Der Kampf um Frauenrechte ist auch in Lateinamerika ein Kampf, der nicht aufhört, auch wenn die Hürden noch so groß sind.  

Weiterführendes zum Thema:

Dokumentation über Frauenmorde in Lateinamerika: https://www.youtube.com/watch?v=N-PiRvKIj74 

Kinderhilfswerk PLAN: https://www.plan.de/news/detail/corona-pandemie-verstaerkt-gewalt-gegen-maedchen-und-frauen-in-lateinamerika.html

Podcast zu der Frauenbewegung in Lateinamerika:https://lila-podcast.de/was-wir-von-den-feministischen-bewegungen-in-lateinamerika-lernen-koennen/

Protesttanz in Santiago de Chile 2019:

Lateinamerika & Corona: Arbeiten unter Bedingungen einer Pandemie

Ein Beitrag von Jan Jänicke & Johann Prüfer

Lockdown in Buenos Aires. © Santiago Sito https://www.flickr.com/photos/santiagosuburbano/49757964607/

Im Vorfeld zu diesem Beitrag haben wir mit Niklaas Hofmann, dem politischen Leiter der Erwachsenenbildung beim DGB Bildungswerk Bund, gesprochen. Niklaas Hofmann hat zwischen 2013 und 2018 das Lateinamerika-Büro des DGB-Bildungswerks aufgebaut und von São Paulo aus geleitet. Seine Expertise zu dem Thema Arbeit und Gewerkschaften in Brasilien und Argentinien stellen eine Grundlage für unseren Blogbeitrag dar.

Seit Anfang 2020 haben wir nun schon damit zu tun und es regelt unseren Alltag: COVID-19. Auf der ganzen Welt, in jedem Lebensbereich, in jedem Nachrichtenbeitrag ist davon zu hören und man kann dem Thema nicht entkommen. Dabei gibt es große Unterschiede, wie stark Regionen und Länder von der Pandemie betroffen sind und wie das Virus bekämpft – oder eben auch nicht bekämpft wird.

Lateinamerika hat sich über das letzte Jahr zu dem wahrscheinlich größten Krisenherd der Pandemie entwickelt. Vor allem aus Brasilien kommen immer wieder traurige Rekordzahlen, was die täglichen Infektions- und Todesfälle anbelangt. So zählt die John-Hopkins-Universität in Brasilien 371.000 Todesopfer, die bislang an Covid-19 verstorben sind (Stand 17.04.2021). Angesichts der sich immer stärker ausbreitenden Virusmutation „P1“ werden die Zahlen in den kommen Monaten vermutlich auch weiter in rasantem Tempo ansteigen. Dies liegt nicht zuletzt an der Regierung Brasiliens und ihrem Präsidenten Jair Bolsonaro, der von Anfang die Risiken von COVID-19 herunterspielte und leugnete und damit notwendige Regierungsmaßnahmen zur Begrenzung der Pandemie verunmöglichte.

In Europa breitet sich das Virus derzeit auch erneut aus, jedoch konnte die „Infektionskurve“ im vergangenen Jahr relativ lange durch Lockdown-Bestimmungen in vielen Staaten relativ flach gehalten werden. Allerdings war die Ausgangslage zu Beginn der Pandemie in Europa eine grundsätzlich andere, da hier z.B. soziale Sicherungssysteme, sowie gesetzlich und vertraglich geregeltes Arbeitsrecht im Vergleich zu Lateinamerika stärker etabliert sind. Arbeiter*innen in Lateinamerika haben oftmals nicht die Wahl zu Hause zu bleiben und im Homeoffice zu arbeiten.

Dies liegt vor allem daran, dass hier ein Großteil der Menschen im informellen Sektor, meist ohne soziale Absicherung und Arbeitsverträge arbeitet. Durch die fehlenden vertraglichen Regelungen gibt es zumeist keinen Kündigungsschutz, keinen Urlaub und kein Recht auf Lohnfortzahlungen bei Krankheiten oder Quarantäne. Die informell Beschäftigten stehen die meiste Zeit finanziell unter Druck und können deshalb in der Regel auch keine Rücklagen bilden. Am stärksten von der Pandemie betroffen sind daher diejenigen Arbeiter*innen, die „prekär und informell beschäftigt sind, wie zum Beispiel fliegende Händler, Hausangestellte, Bauarbeiter*innen, Beschäftigte von Lieferdiensten, Fahrer*innen von Taxen und Leute in der Logistikbranche“, sagt Niklaas Hofmann. Zu den prekären Arbeitsbedingungen kommt noch dazu, dass diese oftmals auf wenig Wohnraum mit ihren Familienangehörigen und zum Teil in improvisierten Wohnräumen in den sogenannten „Favelas“ oder „Barrios“ leben, wie die städtischen Elendsviertel der Großstädte Brasilien und Argentinien genannt werden. Dadurch wird das Einhalten von social distancing faktisch unmöglich.

All das, so Niklaas Hofmann, „führt eben dazu, dass arme Menschen, informell Beschäftigte und unterbeschäftigte Menschen die großen Verlierer dieser Krise sind, weil sie schlichtweg sterben und im Zweifelsfall ihre Angehörigen noch anstecken“, falls es zu einer Corona-Infektion kommt. Und wer nun denkt, das sei nur ein kleiner Teil der Arbeitnehmenden, der/die täuscht sich. Die ILO (Internationale Arbeitsorganisation) spricht von 54% der Arbeitnehmenden, die in ganz Lateinamerika im informellen Sektor arbeiten. Diese Menschen können sich Corona-Maßnahmen schlichtweg nicht leisten, geschweige denn eine Quarantäne, denn: „Ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld kein Essen“, wie ein Artikel der Süddeutschen Zeitung es prägnant zusammenfasst. „In der Regel wird von der Hand in den Mund gelebt“ und dies bedeutet eben angesichts der Pandemie und dem Verlust von Arbeitsplätzen ein „massives Armutsrisiko“, betont Niklaas Hofmann.

In den politischen Strategien zur Pandemiebekämpfung und zur Abfederung der sozialen Krise in Folge ebendieser unterscheiden sich verschiedene Staaten Lateinamerikas erheblich. So hat beispielsweise Argentiniens Mitte-Links-Regierung unter Alberto Fernández schon frühe Schritte in Richtung konsequenter Pandemiebekämpfung unternommen. Bereits am 11.03.2020 wurden hier Lockdown-Maßnahmen verhängt, die mit anderen sozialen Maßnahmen und Nothilfen für die Ärmsten gekoppelt wurden. Dies hat u.a. zu Zulagen für arme Rentner*innen und zur Aufstockung des universellen Kindergelds geführt. Zu weiteren wichtigen Maßnahmen zählten zudem die Anerkennung von COVID-19 als Berufskrankheit sowie ein ausgedehnter Kündigungsschutz. Auch wenn das zumeist nur ein Tropfen auf den heißen Stein war: Argentinien hat immerhin versucht, der Pandemie und ihrer sozialen Folgen Einhalt zu gebieten, während Brasiliens Regierung unter Bolsonaro weiter strikt die Linie fährt, Corona zu leugnen oder zu verharmlosen. Genau an dieser Stelle, so Hofmann, sehe man die faschistischen und menschenverachtenden Züge der Regierung, die mit dieser Grundhaltung immense Todeszahlen billigend in Kauf nehmen – basierend auf dem Prinzip „die Stärkeren werden sich durchsetzen, die Stärkeren werden überleben“. Das Leben der prekär und informell Beschäftigten, die auf ihre Arbeit zum Überleben angewiesen sind, wird unter diesen Umständen einer ständigen Gefahr ausgesetzt.

Die Arbeitsverhältnisse in Argentinien und Brasilien waren schon in den letzten Jahren gekennzeichnet durch eine zunehmende Prekarisierung. Gewerkschaften stehen angesichts der Pandemie vor der Herausforderung, die am stärksten Betroffenen zu erreichen und zu organisieren. Dies stellt sich im Hinblick auf den Infektionsschutz, zum anderen auch wegen der strukturellen Schwierigkeit informell Beschäftigte und Kleinstunternehmer*innen z.B. Essenslieferant*innen zu erreichen, äußerst schwierig dar. Dazu kommt die massive Einschränkung von Gewerkschaftsarbeit in Brasilien, da dort „versucht wird Gewerkschaften zu entmachten und außen vor zu halten. Und das ist ein massives, massives Problem, denn die Gewerkschaften erreichen ja sowieso schon nur die formell Beschäftigten“, so Niklaas Hofmann. So scheint auch eine emanzipatorische Antwort auf die anhaltende „Krise der guten Arbeit“ (Hofmann) in weitere Ferne zu rücken. Letztlich müssen auch wir in Europa uns fragen, inwiefern wir diese prekäre Lebens- und Arbeitssituation vieler lateinamerikanischer Arbeiter*innen mitzuverantworten haben. Denn ein Großteil der Produktion, v.a. in Brasilien und Argentinien, ist auch für den europäischen Export bestimmt. Ein Ausweg aus der systematischen Ungleichheit der Arbeitsverhältnisse in Lateinamerika durch eine nachhaltige soziale Umverteilung scheint insofern nicht nur eine Frage Lateinamerikas, sondern letztlich auch eine in globaler Perspektive.

Weiterführendes zum Thema:

Podcast-Folge zur aktuellen Situation in Brasilien:
https://www.br.de/mediathek/podcast/aktuelle-interviews/coronavirus-in-brasilien-niklas-franzen-journalist/1822696

Artikel zu Streiks von Essenslieferanten in Brasilien:
https://taz.de/Streik-der-Online-Kuriere/!5697921/

Artikel zur Situation von Arbeiter*innen in Argentinien:
https://www.npla.de/thema/arbeit-gesundheit/zwischen-prekarisierung-und-pandemie/